Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter „Bulo“ Böhling wollte sich in dieser Woche eigentlich ausnahmslos freuen und das auch schreiben. Als er wieder einmal das Passwort seines Rechners neu eingeben musste, war es aber dahin mit der Gelassenheit – und er machte seinem Ärger über Sonderzeichen, Ziffern und sonstige Hindernisse Luft.

von Bulo

Ich schwöre es beim eingewachsenen Zehennagel meines winterstiefelgeplagten Fußes: Ich hatte mir fest vorgenommen, in dieser Woche mal wieder etwas Aufmunterndes über ein erfreuliches Thema zu schreiben. Nicht, dass hier am Ende der Eindruck eines unter Griesgrämigkeit leidenden Misanthropen oder Technophoben entsteht. Ich also beschwingt ran an den Rechner, der sonst immer willfährig zum jederzeitigen Anschmeißen dasteht, und … Nix. Niente. Nothing. Ein Stromausfall in der Nacht hatte unser gesamtes Büro resettet. Schlimmer als die warm gewordene Coke Zero und der dafür leider kalt gewordene Empfangsbereich: Passworteingabe erforderlich! „Zefix“ fluchte ich (als mit 18 Jahren aus der Kirche Ausgetretener und irgendwie dennoch Gottesfürchtiger) in gebotener Lautstärke.

Denn wenn es eine Sache gibt, die mich noch mehr aufschreien lässt, als Zugsalbe auf ein entzündliches Panaritium zu schmieren, dann sind es – genau: Passwörter! Wie zum Teufel (Herrgott, schon wieder was Sakrales!) soll ich bitte heute noch wissen, was ich gestern glaubte, woran ich mich morgen noch erinnere? Welcher Wahnsinnige hat das bloß erfunden, und wenn wir schon dabei sind: Gibt es für solche Verbrechen an der Menschenwürde eigentlich noch die Folter? Nein, nein, ich spreche nicht von was Letalem, eher so ein herzhafter Tritt auf den Nagel des großen Zehs … Glauben Sie mir, ich weiß gerade ganz genau, wie weh das tut. Ja, das hätten sie verdient, diese digitalen Zeichen-Zerberus-Züchter!

Früher war alles so einfach, und so Purzel. Das war der Hund meiner Kindheit. Und mein späteres Passwort. Purzel war mein Leben. Dann kam die IT-Abteilung und sagte: „Peter, Purzel ist zu unsicher. Purzel braucht eine Zahl.“ Also: „Purzel1“. Ein Jahr später: „Purzel1!“ – weil ohne Sonderzeichen heute ja nicht mal mehr die Kaffeemaschine anspringt. Mittlerweile sieht mein Passwort aus wie getippt von Purzel, der über eine Tastatur gelaufen ist, nachdem er meinen geheimen Grauburgunder-Vorrat geleert und daraufhin einen epileptischen Anfall hatte: „Pur2eL_!_1979_f0r3v3r#“. Irgendwo hab ich’s doch notiert. Aber was passiert? Das System erzählt mir mit der herablassenden Kühle meiner Ex-Freundin: „Passwort falsch. Noch zwei Versuche, dann Sperrung.“

Ich kenne Menschen, die haben mehr Zeit damit verbracht haben, ihr Passwort zurückzusetzen, als in der entsprechenden App zu arbeiten. Diese Funktion ist mittlerweile übrigens eins der meistgenutzten Features im Netz, wussten Sie das? Der digitale Beichtstuhl für die eigene Demenz. „Ja, ich habe gesündigt und mir die Kombination aus Großbuchstaben, Hieroglyphen und dem Geburtsdatum meiner Großtante dritten Grades nicht gemerkt. Vergebt mir, ihr gottgleichen Admins!“ Verdammt nochmal, wenn ich jemanden anbeten will, hätte ich auch Katholik bleiben können! Und dann diese Sicherheitsfragen! „Wie hieß Ihr erstes Haustier?“ … Purzel, Himmisakrament! Aber habe ich ihn damals mit „P“ geschrieben oder war das schon in meiner bohemistischen Phase ohne Großbuchstaben?

Oder „Was ist Ihr Lieblingsfilm?“ – Wenn ich das wüsste, würde ich ihn mir jetzt anschauen, statt hier mit einer Maske zu kämpfen, die mir verbietet, mein altes Passwort wiederzuverwenden. Warum eigentlich? Wenn ich meine Haustür dreimal mit demselben Schlüssel aufschließe, bricht doch auch nicht gleich die Anarchie aus! Und das für wirklich jeden Firlefanz: Gesichtsscan, Fingerabdruck und eine Bestätigungs-SMS von einem Server in Island, nur um eine Pressemitteilung für Hundefutter zu lesen. Am Ende des Tages saß ich vor meinem Monitor, die Stirn voller Verzweiflungsrunzeln und hämmerte so lange auf „Passwort anzeigen“, bis ich merkte: Ich bin gar nicht eingeloggt … Ich wünsche Ihnen darum eine Restwoche mit möglichst wenigen Ausrufezeichen!

Bulo’s Beobachtungen gibt es jetzt auch als gedrucktes Buch: Die 20 meistgelesenen Kolumnen unseres Publikaturisten sind als Taschenbuch mit 86 Seiten und einem Vorwort von Jo Groebel im JMB-Verlag erscheinen. Das Buch kostet 12 Euro.
jmb-verlag.de

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Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter “Bulo” Böhling wollte sich in dieser Woche eigentlich ausnahmslos freuen und das auch schreiben. Als er wieder einmal das Passwort seines Rechners neu eingeben musste, war es aber dahin mit der Gelassenheit – und er machte seinem Ärger über Sonderzeichen, Ziffern und sonstige Hindernisse Luft.


von Bulo


Ich schwöre es beim eingewachsenen Zehennagel meines winterstiefelgeplagten Fußes: Ich hatte mir fest vorgenommen, in dieser Woche mal wieder etwas Aufmunterndes über ein erfreuliches Thema zu schreiben. Nicht, dass hier am Ende der Eindruck eines unter Griesgrämigkeit leidenden Misanthropen oder Technophoben entsteht. Ich also beschwingt ran an den Rechner, der sonst immer willfährig zum jederzeitigen Anschmeißen dasteht, und … Nix. Niente. Nothing. Ein Stromausfall in der Nacht hatte unser gesamtes Büro resettet. Schlimmer als die warm gewordene Coke Zero und der dafür leider kalt gewordene Empfangsbereich: Passworteingabe erforderlich! “Zefix” fluchte ich (als mit 18 Jahren aus der Kirche Ausgetretener und irgendwie dennoch Gottesfürchtiger) in gebotener Lautstärke.


Denn wenn es eine Sache gibt, die mich noch mehr aufschreien lässt, als Zugsalbe auf ein entzündliches Panaritium zu schmieren, dann sind es – genau: Passwörter! Wie zum Teufel (Herrgott, schon wieder was Sakrales!) soll ich bitte heute noch wissen, was ich gestern glaubte, woran ich mich morgen noch erinnere? Welcher Wahnsinnige hat das bloß erfunden, und wenn wir schon dabei sind: Gibt es für solche Verbrechen an der Menschenwürde eigentlich noch die Folter? Nein, nein, ich spreche nicht von was Letalem, eher so ein herzhafter Tritt auf den Nagel des großen Zehs … Glauben Sie mir, ich weiß gerade ganz genau, wie weh das tut. Ja, das hätten sie verdient, diese digitalen Zeichen-Zerberus-Züchter!


Früher war alles so einfach, und so Purzel. Das war der Hund meiner Kindheit. Und mein späteres Passwort. Purzel war mein Leben. Dann kam die IT-Abteilung und sagte: “Peter, Purzel ist zu unsicher. Purzel braucht eine Zahl.“ Also: “Purzel1”. Ein Jahr später: “Purzel1!” – weil ohne Sonderzeichen heute ja nicht mal mehr die Kaffeemaschine anspringt. Mittlerweile sieht mein Passwort aus wie getippt von Purzel, der über eine Tastatur gelaufen ist, nachdem er meinen geheimen Grauburgunder-Vorrat geleert und daraufhin einen epileptischen Anfall hatte: “Pur2eL_!_1979_f0r3v3r#”. Irgendwo hab ich’s doch notiert. Aber was passiert? Das System erzählt mir mit der herablassenden Kühle meiner Ex-Freundin: “Passwort falsch. Noch zwei Versuche, dann Sperrung.”


Ich kenne Menschen, die haben mehr Zeit damit verbracht haben, ihr Passwort zurückzusetzen, als in der entsprechenden App zu arbeiten. Diese Funktion ist mittlerweile übrigens eins der meistgenutzten Features im Netz, wussten Sie das? Der digitale Beichtstuhl für die eigene Demenz. “Ja, ich habe gesündigt und mir die Kombination aus Großbuchstaben, Hieroglyphen und dem Geburtsdatum meiner Großtante dritten Grades nicht gemerkt. Vergebt mir, ihr gottgleichen Admins!” Verdammt nochmal, wenn ich jemanden anbeten will, hätte ich auch Katholik bleiben können! Und dann diese Sicherheitsfragen! “Wie hieß Ihr erstes Haustier?” … Purzel, Himmisakrament! Aber habe ich ihn damals mit “P” geschrieben oder war das schon in meiner bohemistischen Phase ohne Großbuchstaben?


Oder “Was ist Ihr Lieblingsfilm?” – Wenn ich das wüsste, würde ich ihn mir jetzt anschauen, statt hier mit einer Maske zu kämpfen, die mir verbietet, mein altes Passwort wiederzuverwenden. Warum eigentlich? Wenn ich meine Haustür dreimal mit demselben Schlüssel aufschließe, bricht doch auch nicht gleich die Anarchie aus! Und das für wirklich jeden Firlefanz: Gesichtsscan, Fingerabdruck und eine Bestätigungs-SMS von einem Server in Island, nur um eine Pressemitteilung für Hundefutter zu lesen. Am Ende des Tages saß ich vor meinem Monitor, die Stirn voller Verzweiflungsrunzeln und hämmerte so lange auf “Passwort anzeigen”, bis ich merkte: Ich bin gar nicht eingeloggt … Ich wünsche Ihnen darum eine Restwoche mit möglichst wenigen Ausrufezeichen!


Bulo’s Beobachtungen gibt es jetzt auch als gedrucktes Buch: Die 20 meistgelesenen Kolumnen unseres Publikaturisten sind als Taschenbuch mit 86 Seiten und einem Vorwort von Jo Groebel im JMB-Verlag erscheinen. Das Buch kostet 12 Euro.

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